Lots Weib

Er hatte die Frau schon oft gesehen. Er nannte sie »Lots Weib« bei sich, denn so stellte er sich eine Salzsäule vor. Sie trug schwarz, alles war schwarz. Er hatte einmal einen Blick auf ihre Augen geworfen, soweit man sie hinter dem Stoffgitter vor ihrem Gesicht erkennen konnte, und sie waren, zu seinem grenzenlosen Erstaunen, blau.

Männerfantasien - Lots Weib

Sie stand vor ihm an der Kasse des Supermarktes und kaufte, wie meistens, Milch, Jogurt, Obst und Gemüse. An ihrer Seite lief stets ein Mädchen, acht oder neun Jahre alt, mit dem sie nie ein Wort wechselte. Die Kleine nahm die Einkäufe aus dem Wagen, legte sie auf das Band, sammelte sie am Ende wieder ein und steckte sie in eine große, grüne Stofftasche. Anschließend bezahlte sie mit einer Kreditkarte, deren Geheimzahl sie auswendig wusste. Sie zog sie aus der goldenen Hülle eines iPhones, das sich unter ihren Umhang verbarg, der ebenso schwarz war, wie der ihrer Mutter. Mit dem Unterschied, dass man ihre Hände und ihr Gesicht sehen konnte. Sie hatte kleine Hände mit kurzen Fingern und ein rundes Gesicht mit roten Backen, fast wie eine Putte.

Dann passierte es. Als die Frau den Wagen an der Kasse vorbei schob, trat sie mit dem rechten, unter der wallenden Burka verborgenen, Fuß auf den Saum ihres Umhangs. Um nicht zu fallen, stützte sie sich mit beiden Händen auf den Einkaufswagen und streckte, um die Balance zu wahren, ihr linkes Bein ein wenig nach hinten, so dass ihr Fuß einen Augenblick lang unter der Burka hervorschaute.

Mindestens zehn Zentimeter Absatz. Eine rote Sohle. Er schluckte. Die Frau vor ihm, trug Schuhe von Christian Laboutin. Vermutlich erkannten nicht viele Männer das, aber er war Schuhverkäufer und er wusste, was er gesehen hatte. Dieser Schuh. Diese Absätze. Sein Puls schlug stets schneller, wenn er sie an den Beinen schöner Frauen gesehen hatte, so auch jetzt.

Die Frau vor ihm hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden und schob, während er ihr mit den Augen folgte, ihren Wagen in Richtung Ausgang. Seine Fantasie schlug Purzelbäume. Er stellte sich unter dem wallenden, schwarzen Gewand blaue, schwarze oder rote Schuhe mit Strasssteinen vor, Seidenstrümpfe sogar, als die Frau mit ihrer kleinen Begleiterin auf der Rolltreppe abwärts fuhr.

Da fauchte ihn die Kassiererin an: »13,49. Bar oder mit Karte?« Er schloss seinen Mund und öffnete sein Portemonnaie.

Nachwort:
Eigentlich gibt es hier jeden Montag einen Brief an einen bereits verstorbenen Autor. Letzte Woche las ich allerdings, wieder einmal, einiges vom Meister der Kurzgeschichte, Etgar Keret. Sein Blick auf die Welt hat auch diesen kleinen Text inspiriert. (tmg)

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