Feuer .. Blitz .. Scheck

Wenn Sie jetzt an Feuer, Pfeife Stanwell denken müssen, sind vermutlich in meinem Alter. Ich wollte eigentlich über meine kulinarischen Erfahrung im Neckartal beim Besuch meiner Mutter berichten, aber die aufgeregte Debatte über die Bücherverbrennungen des oben genannten Herren verlangt nach etwas, das ich mir üblicherweise verkneife: einem Kommentar zu aktuellen Affären.

Nachdem ich keinen Fernseher besitze, musste ich mir „die Hand Gottes“ des Denis Scheck bei YouTube ansehen. Wenn Hitlers „Mein Kampf“ in den virtuellen Flammen aufgeht, finde ich das schräg, aber kann damit leben. Wenn ich mir die weiteren, in vermeintlichen Flammen aufgehenden, Bücher ansehe, Paulo Coelho, Sebastian Fitzek … muss man alle nicht mögen – aber in Flammen aufgehen lassen? Und Kassandra von Christa Wolf? Stefan George?

Durch Zufall fand ich „in der Pandemie“ zwei antiquarische Bändchen. „Lauter Verrisse“ und „Lauter Lobreden“ des unvergleichlichen Marcel Reich-Ranicki. Ich weiß nicht, wer ihm den Spitznamen „Büchernörgele“ verpasst hat, aber er hat, weiß Gott, nicht nur genörgelt. Oft teilte ich seine Meinung nicht, bei Herrn Scheck gibt es jedoch nichts zu teilen.

Erinnern Sie sich an sein, etwas apodiktisches, Urteil über Dieter Wellershoffs Roman „Die Schattengrenze“? „Nun ja, ich weiß, es gibt in Deutschland viele schlichte und beschränkte Menschen. Indes: Müssen sich Romane mit ihrer Sicht begnügen? Ist es unbescheiden, die deutschen Epiker zu bitten, sie möchten ihren Hauptfiguren, wenn schon aus ihrer Perspektive erzählt werden soll, eine etwas größere Intelligenzquote zubilligen.“

Vielleicht geht es Ihnen ja wir mir und Sie hören noch seine Stimme. Und wenn Sie mich jetzt fragten, ob ich dieses Urteil auch auf die Kritik jenes Denis Scheck anwenden würde, müsste ich wissend lächeln. Gewiss müssen Autoren wie Verleger Kritik aushalten. Man mag manches als unberechtigt empfinden; an vielen kritischen Beiträgen kann man jedoch auch den Blick auf die eigene Produktion schärfen.

„Please, come back, Marcel, all is forgiven“, möchte man ausrufen.

Wofür die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Katrin Schmidt-Friderichs, jenen Herrn Schecks bewundert, wie sie in einem Beitrag für das Börsenblatt am 19.7.21 schreibt, verschließt sich mir. Sie erläutert es ja auch nicht näher. Denis Schecks ist für mich ein ClickBait auf zwei Beinen und ich befürchte, genau deshalb hat ihn der SWR engagiert. Den Mann interessiert nur seine Selbstwahrnehmung, um nicht zu sagen seine Selbsterhöhung. Was mich wirklich auf die Palme treibt ist die Tatsache, dass ich diesen ganzen Mumpitz, um ein weiteres Lieblingsworts Reich-Ranickis zu benutzen, mit meinen Gebühren finanzieren muss.

#thomasmichaelglaw #mediathoughtsverlag, #buchkritik #literatur #montagsblog #denisscheck

Krimileser

Nein. ich möchte hier nicht auf die Leser meiner Romane eingehen, deren Beweggründe mich interessieren, denen ich aber in den letzten 18 Monaten nicht wirklich nahe kommen konnte. Mir geht es um etwas Grundsätzliches.

Ein meinem Elternhaus galt der Kriminalroman wenig. Das fiel unter Trivialliteratur, so etwas las man nicht. Interessanterweise durfte ich durchaus Karl May lesen, dem ich seit jungen Jahren skeptisch gegenüber stand. Ich glaubte ihm seine Abenteuer schlicht nicht. Vieles andere, was heute so bei Bastei-Lübbe erscheint, zog mich ebenfalls nie in den Bann. Irgendwann stieß ich dann auf George Simenon. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Es folgten andere Sjöwall/Wahlöö, P D James, Dorothy L Sayers, Colin Dexter und sein Inspector Morse und natürlich Raymond Chandler. Von letzterem schätze ich übrigens auch die theoretischen Schriften zu unserem heutigen Thema. „Meine Theorie von Schreiben von Kriminalgeschichten unterstellt, dass das Geheimnis und die Lösung des Geheimnisses nur das sind, was ich die ‚Olive im Martini‘ nenne, und eine wirklich gute Kriminalgeschichte ist eine, die man selbst dann liest, wenn man weiß, dass jemand das letzte Kapitel aus dem Buch herausgerissen hat.“ Dem kann ich nur vorbehaltlos zustimmen – zumal die Lösung meiner Fälle meistens im vorletzten Kapitel erfolgt.

Begonnen hat das Ganze wohl im April 1841. In Graham’s Magazine erschien eine Geschichte des damals 32-jährigen Edgar Allan Poe. The Murders of the Rue Morgue. Damit fing alles an. Das Verbrechen stand auf einmal im Zentrum der Literatur. Natürlich gab es schon vorher Geschichten darum, noch nie stand jedoch die Aufklärung eines solchen im Zentrum der Handlung.  Irgendwo ist der Kriminalroman (und nicht der Thriller) Teil unserer Sehnsucht nach einer besseren Welt.

Brecht kam mit hunderten von Kriminalromanen aus den Exil zurück, von Henrik Ibsen wird erzählt, dass sich in seiner Bibliothek hinter den Klassikern zahlreiche zerlesene Krimis fanden, Konrad Adenauer ließ sich aus Kriminalromanen wohl jeden Abend von seiner persönlichen Sekretärin vorlesen. So manch ein Krimi vermag mehr von der Welt zu erzählen, als der eine oder andere dicke Roman. Zumindest hoffe ich das für meine.

„Simsons Füchse“, mein neuer Roman um Friedrich von Coes, hat sich heute auf elektronischem Weg zu unserem Drucker in der alten Stadt Jerusalem aufgemacht. Ich freue mich schon auf die ersten Exemplare, zum ersten Mal in Fadenheftung und mit Rundrücken. Sprich: richtig schöne Bücher.

E. B. White

E. B. White und ich haben vor allen Dingen eins gemeinsam: unser Geburtsdatum. Er wäre dieses Jahr am 11. Juli 121 Jahre alt geworden, ich bewege mich auf den Unruhestand zu.

Die meisten von Ihnen, zumindest unter meinen englischsprachigen Lesern, werden Elwyn Brooks White als Autor von Kinderbüchern wie „Charlotte’s Web“, „Stuart Little“ oder „The Trumpet oft he Swan“ kennen. Er ist jedoch auch Co-Autor eines DER Style Guides der englischen Sprache „The Elements of Style“, das jahrzehntelang auf meinem Schreibtisch stand.

Es sind vor allem die kleinen Geschichten, Essays und Vignetten, die er zwischen 1927 und 1976 für den New Yorker verfasst hat, die mich immer wieder zu ihm als Schriftsteller zurückkommen lassen. Zugleich ermahnen sie jeden Schreibenden, seinen  Blick für das Alltägliche zu schärfen und Beobachtungen feuilletonistisch mit den Lesern zu teilen.

Es zeigt mir auch, wie wenig ich in den letzten anderthalb Jahren in der Stadt unterwegs war, wie ängstlich die Menschen immer noch sind, ihre Bewegungen befangen, ihre Blicke umherschweifend. Als ich letzten Samstag in einem halbleeren Einkaufszentrum eine Hose kaufte, unterhielten sich die Verkäuferinnen darüber, wie voll alles schon wieder sei. Im Gespräch wurde klar, dass sie vor allem eines ersehnten: klare Informationen und eindeutige Aussagen. Ich gebe zu: Manchmal habe auch ich Angst, dass uns diese Masken bleiben, bis wir das griechische Alphabet durchbuchstabiert haben. Ich würde Menschen gerne wieder lächeln sehen – und nicht nur an meinem Esstisch.

Vielleicht fallen mir dann wieder Geschichten wie die von E. B. White’s Spatz ein, der eine zur Schleife gebundene Luftschlange findet und damit vor den anderen Spatzen posiert, bis er merkt, dass er für den frühen Morgen eigentlich „overdressed“ ist, die Luftschlange fallen lässt und in den nächsten Saloon fliegt. Ich könnte auch Markus Söder mit an den Walden Pond nehmen – Elwyn White hat über einen fiktiven, gemeinsamen Besuch mit Senator McCarthy einen herrlichen Text verfasst.

Seine Beobachtungsgabe, sein Sprachgefühl und sein Gespür für gesellschaftliche Zusammenhänge – immer mit einer wohldosierten Prise Humor gewürzt – fehlen in diesen aufgeheizten Zeiten, in denen man mehr und mehr nach dem Motto „Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein“ zu verfahren scheint. Gott sei Dank bleibt es meistens bei verbalen Schlägen. Es nervt trotzdem und vertieft die Gräben zwischen denen, die diese Auseinandersetzungen führen. Interessanterweise beteiligen sich weder „meine“ Auszubildenden noch „meine“ dualen Studenten an diesem Rennen um die absolute Wahrheit. Sie schütteln nur mit dem Kopf.

Aber zurück zu Elwyn White. Ich bin sicher, er sitzt seit 1985 auf irgendeiner Wolke und schreibt zum Ergötzen dessen (oder deren – Vorsicht Thomas!), der unsere Geschicke lenkt, weiter seine wunderbaren Geschichten.

In diesem Sinne nicht „RIP“, sondern „Carry on!“

Wer die Geschichten gerne selber lesen will sollte ein paar Euro in E. B. White: Writings from The New Yorker 1927 – 1976 investieren. Erschienen bei Harper Perennial.

Badelektüre

Baden Sie oder Duschen Sie?
Ich weiß, impertinent persönliche Frage. Also ich dusche nach dem Laufen oder Radeln. Ersteres geht, nach einem Bänderriss, sowie nur noch eingeschränkt. Jogtrott war nie so meine Sache. Man steigt erfrischt aus der Dusche und beginnt den Tag in der Hoffnung, er wird anregend, gefüllt mit tiefen oder zumindest heiteren Gesprächen und man kann ein paar Haken hinter Punkte auf diversen Listen setzen. Heutzutage ist es immer gut „divers“ mindestens einmal in einem Text unterzubringen.
Strandgut
Was aber, wenn sich der Tag als mit kaum bewegender Langeweile angefüllt erweist, wie ein marokkanisches Hotelzimmer mit flirrendem Staub in der untergehenden Sonne? Dann hilft nur ein Bad – sanft in den Fluten versinken, die Augen schließen, von im Wasser schwimmenden Rosenblättern und drei wunderschönen zirkassischen Sklavinnen träumen …
Gott bewahre! Der bloße Gedanke …
Zum einen bin ich wirklich glücklich verheiratet, zum anderen könnte einem die Erwähnung einer Sklavin im Jahr 2021 einen Shitstorm eintragen, gegen den der bei aufgeschönten Lebensläufen auftretende – so man ins Kanzlerinnenamt will – vermutlich ein laues Lüftchen ist.
Die Sache mit dem indischen Palast und den Rosenblüten funktioniert sowieso nur 90 Sekunden, spätestens dann brauche ich etwas zu lesen.
Lesen Sie im Bad?
Mich beschleicht immer die Angst ich könnte einschlafen, sprich Erstausgaben oder die wunderbaren Bleisatzbände von Enzensberger/Greno sind außen vor. Von „Nie Wieder“ habe ich extra ein „Normalexemplar“ antiquarisch erworben, das ich mit ins Bad nehme, denn ich gehe sehr gerne im Bad auf Reisen. Was kann es Schöneres geben, als wohlig im Bad zu liegen, während der staubige Reisende in einem heruntergekommenen Hotel in Sana vom Portiert mit „Jallah!“ (Verschwinde) begrüßt wird oder man mit dem Zug durch Patagonien dampft. Letzteres habe ich mir für dieses Leben noch in der Realität vorgenommen.
Auch Hemingway, Chirbes oder der wunderbare Mark Helprin bieten sich als Wannenbegleiter an. Die größte Gefahr ist, dass man sich festliest und an diesem Abend keine weitere Zeile an etwas Eigenem zu Papier bringt.
PS.: Das Bild stammt aus der Neuausgabe meines Gedichtbandes „Strandgut“, das ab morgen im Buchhandel erhältlich ist. Die Bilder sind geblieben, einige Gedichte wurde ausgetauscht bzw. ergänzt.

Friedrich von Coes: Simsons Füchse

Eigentlich wollte ich hier heute an Herbert Wehner schreiben, weil ich am Wochenende in einem zufällig erworbenen Band seine Notizen aus den Jahren 1933 bis 1942 gelesen habe. Wir holen das nächste Woche nach, meinte meine Verlegerin. Wie heißt der schöne Spruch: Der König rief, der Page lief. Heute ist aber auch ein außerordentlich passendes Datum, wenn ich an meinen neuen Roman „Simsons Füchse“ um Friedrich von Coes und sein Münsteraner Team denke.

Genau an diesem Tag beginnt der Roman, denn am 21 Juni kommt es im Münsterland seit einigen Jahren zu Brandanschlägen auf allein stehzende Höfe. Als die Besitzerin eines abgebrannten Hofs nicht nur verbrannt sondern erschossen aufgefunden wird, kommen unsere Mordermittler ins Spiel. Ein verzwickten Fall, in dem so ziemlich alles, Motiv, Gelegenheit, Mittel und Täter Rätsel aufgeben, entwickelt sich für Friedrich von Coes zu einer hochbrisanten politischen Affäre. In die Hintergrundrecherchen zu den Aktivitäten bestimmter politischer Gruppen im Ruhrgebiet hatte ich viel Zeit investiert. Auch wenn der Roman Fiktion ist, die Realität ist recht erschreckend.

Ich werde mich in den nächsten Wochen noch ab und zu zur Entstehung des Romans und zu Entwicklung der Figuren hier äußern. Mehr Informationen (Lesung/Leseproben)dazu gibt es ab dem 19. 7. 2021 auf der Verlagswebseite. Anfragen für Leseexemplare bitte an den Verlag (team@mediathoughts.net)

Nächste Woche dann meine Gedanken zu Onkel Herbert …

#thomasmichaelglaw #krimi #münster #friedrichvoncoes #mediathoughtsverlag

Egg Sandwich

Nachdem Arno und ich auf der Webseite auch großartig unsere Kochkünste ankündigen, sollte zumindest einmal so etwas wie ein Rezept folgen. Ich muss sagen:  ich koche gerne und viel, wie mein alter ego, der Münchner Kriminalrat Benedict Schönheit, Arno ist da eher faul und hat, wie SEIN alter ego, Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes, schon einmal Probleme morgens die Kaffeedose zu finden. Ohne Anne und Mama wäre er vermutlich verloren.

Egg Sandwich

Sei’s drum.

Das ist das Egg Sandwich, dass ich in „Shmuel’s Deli“ zu servieren gedenke, sollte ich je als schwuler Jude in New York City wiedergeboren werden. Ecke W 48th Street und 10th Avenue, falls sich jemand fragt. Zwei grob gehackte Eier pro Nase, egal ob jüdisch, christlich, mohammedanisch oder sonst etwas (ich schreibe das, damit sich meine Kritiker über meinen Rassismus beklagen können), hausgemachte Mayonnaise, frischer Estragon und Oregano. Pain Boulot vom französischen Bäcker um die Ecke, ein Bett von frischem Rucola. Meine Empfehlung wäre ein Elsässer Riesling – aber das würde vermutlich teuer in NYC.

Mehr zu meinen Kochkünsten finden Sie bei Steaktogether  wo ich als Koch und Kochlehrer tätig bin..

An Stefan George

Hochzuverehrender Meister,
Ich befürchte Euer Kreis, den Jürgen Kolbe einmal sehr treffend als „Edelbohème“ im Gegensatz zur „stubenreinen Bohème“ in Thomas Manns Doktor Faustus charakterisierte, würde diesen kurzen Brief vermutlich unter „belanglos“ einstufen. Sicherlich nicht „enorm“.
Wie kann ich es wagen, mich an euch zu wenden? Nun, ich griff mir kürzlich wieder einmal „Der siebente Ring“ aus dem Regal; zum einen um darin zu lesen, zum anderen um jemand die besondere Typografie zu zeigen. Es ist das erste Buch, das ich von Euch erwarb, verehrter Meister, vor beinahe fünfzig Jahren. Es ist nur die Vierte nicht die erste Ausgabe, aber es war das erste Buch, das ich je auf einer Auerdult erworben habe.

 

München

Aber genug der Vorrede: Meister, ich hänge. Ich schreibe an einer Erzählung, die am letzten Tag eines Seminars zu Euch beginnt, in der ein Professor mit einer jungen Studentin im Hinterhof einer Schwabinger Weinhandlung sitzt und sie ihm gerade gesagt hat: „Sie sind für mich George.“ Ich weiß natürlich, dass das Eurer Meinung nach unmöglich ist, aber dennoch, sie hat es gesagt. Und der gute Professor weiß nicht was er antworten soll.

Ganz zu schweigen von dem armen Autor, dem zumindest ein etwas frivoles Ende vorschwebt. Meister, wie wäre es mit einer Erleuchtung?

Euer demütiger Diener

#stefangeorge #thomasmichaelglaw #mediathougthts #münchen #literatur

An Karl Lagerfeld

Verehrter Lagerfeld,
lieber Karl,

Ich weiß, ihr seid dem vertrauten Ton eher abhold; ich versuche es dennoch, denn ich kenne Euch schon so lange. Als Künstler, Fotograf und Autor passt ihr zudem gut zu den Adressaten, an die ich mich hier gerne Wende.

Der eigentliche Grund für meinen Brief ist ein Buch des Berliner Dramaturgen John von Düffel, der in einem fiktiven Gespräch mit Euch über die Unsterblichkeit nachdenkt. Es war allerdings weniger das esoterische, das mich anzog, sondern Eure Gedanken zur Fotografie.

In Paris

„Wenn alle Fotografen sind, überall, zu jeder Zeit, dann ist keiner Fotograf und nichts Fotografie. Das Fotografieren hat die Fotografie vernichtet“, heißt es da an einer Stelle. Ihr wisst gar nicht, wie Recht ihr habt. Wenn man heute mit so etwas altmodischen, wie einer Kamera, sogar noch einer recht schweren und großen, durch die Straßen der Stadt zieht, erntet man kritische Blicke. Menschen fragen sich: „Was will der denn?“ und dabei denken Sie „Verletzt der etwa mein Recht am Bild.“ Gleichzeitig werden an jeder Straßenecke die Handys zum Fotografieren gezückt und Menschen posieren in den unmöglichsten Posen an den unmöglichsten Orten mit einem insta-gerechten Grinsen.

„Was wir Bilder nennen, sind keine Ansichten von irgendetwas, sondern Übergriffe. Sie legen sich wie ein Schmierfilm über alles. Die Würde des Fotografierten ist ein Gerücht aus der Vergangenheit.“

Mein Eindruck ist, das Fotografen und Fotografierte diese Würde herzlich egal ist, außer der Fotograf oder die Fotografin hält eine professionelle Kamera in der Hand. Dann ist das Ganze äußerst verdächtig. Die Bilder, die vom letzten Spaziergang, dem Sonnen im Garten, von Kaffee und Kuchen mit Mama gepostet werden, sind nicht nur albern, sie sind peinlich. Die Familienbilder meiner Kindheit haben einen gewissen Charme, sogar eine ganz eigene Würde.

Bei den heutigen Fotografien, kann ich mich Ihrem fiktiven Satz nur anschließen: „Um wieder gucken zu können, brauchen wir ein Bildersterben. Ich bitte Gott darum. Doch das wird nicht passieren.

Leider teile ich auch Ihren Pessimismus.

Wie immer mit herzlichen Grüßen.

 

PS.: Ich weiß, dass Haute Couture kein Käse ist

Mehr zu meiner Arbeit als Fotograf

Lots Weib

Er hatte die Frau schon oft gesehen. Er nannte sie »Lots Weib« bei sich, denn so stellte er sich eine Salzsäule vor. Sie trug schwarz, alles war schwarz. Er hatte einmal einen Blick auf ihre Augen geworfen, soweit man sie hinter dem Stoffgitter vor ihrem Gesicht erkennen konnte, und sie waren, zu seinem grenzenlosen Erstaunen, blau.

Männerfantasien - Lots Weib

Sie stand vor ihm an der Kasse des Supermarktes und kaufte, wie meistens, Milch, Jogurt, Obst und Gemüse. An ihrer Seite lief stets ein Mädchen, acht oder neun Jahre alt, mit dem sie nie ein Wort wechselte. Die Kleine nahm die Einkäufe aus dem Wagen, legte sie auf das Band, sammelte sie am Ende wieder ein und steckte sie in eine große, grüne Stofftasche. Anschließend bezahlte sie mit einer Kreditkarte, deren Geheimzahl sie auswendig wusste. Sie zog sie aus der goldenen Hülle eines iPhones, das sich unter ihren Umhang verbarg, der ebenso schwarz war, wie der ihrer Mutter. Mit dem Unterschied, dass man ihre Hände und ihr Gesicht sehen konnte. Sie hatte kleine Hände mit kurzen Fingern und ein rundes Gesicht mit roten Backen, fast wie eine Putte.

Dann passierte es. Als die Frau den Wagen an der Kasse vorbei schob, trat sie mit dem rechten, unter der wallenden Burka verborgenen, Fuß auf den Saum ihres Umhangs. Um nicht zu fallen, stützte sie sich mit beiden Händen auf den Einkaufswagen und streckte, um die Balance zu wahren, ihr linkes Bein ein wenig nach hinten, so dass ihr Fuß einen Augenblick lang unter der Burka hervorschaute.

Mindestens zehn Zentimeter Absatz. Eine rote Sohle. Er schluckte. Die Frau vor ihm, trug Schuhe von Christian Laboutin. Vermutlich erkannten nicht viele Männer das, aber er war Schuhverkäufer und er wusste, was er gesehen hatte. Dieser Schuh. Diese Absätze. Sein Puls schlug stets schneller, wenn er sie an den Beinen schöner Frauen gesehen hatte, so auch jetzt.

Die Frau vor ihm hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden und schob, während er ihr mit den Augen folgte, ihren Wagen in Richtung Ausgang. Seine Fantasie schlug Purzelbäume. Er stellte sich unter dem wallenden, schwarzen Gewand blaue, schwarze oder rote Schuhe mit Strasssteinen vor, Seidenstrümpfe sogar, als die Frau mit ihrer kleinen Begleiterin auf der Rolltreppe abwärts fuhr.

Da fauchte ihn die Kassiererin an: »13,49. Bar oder mit Karte?« Er schloss seinen Mund und öffnete sein Portemonnaie.

Nachwort:
Eigentlich gibt es hier jeden Montag einen Brief an einen bereits verstorbenen Autor. Letzte Woche las ich allerdings, wieder einmal, einiges vom Meister der Kurzgeschichte, Etgar Keret. Sein Blick auf die Welt hat auch diesen kleinen Text inspiriert. (tmg)

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Unser Verlag

An Yasunari Kawabata

Shin’ainaru Kawabata Yasunari,
Was bringt mich dazu, Euch an einem grauen Montag zu schreiben? Es war ein Zeitungsartikel Ende vorletzter Woche, der mich an Euer Meisterwerk „Die schlafenden Schönen“ erinnerte, das mich vor einigen Jahren auf einem schwierigen Weg begleitete.
Ich fand es nicht mehr. All Eure anderen Bücher, Die Tänzerin von Izu, Schneeland, Tausend Kraniche standen noch im Regal bei den vielen japanischen Kinderbüchern, die ich einst erwarb, um Eure Sprache besser zu lernen. Sie stehen neben dem einen oder anderen Buch, an das ich mit einem Lächeln oder mit einem Stich im Herzen zurückdenke, weil sie Stunden, Tage zurückbringen, die, bei aller Süße, stets einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.
Gebrochene Liebe im Winter
Nur eben dieses Buch, die Geschichte des alten Eguchi, konnte ich nicht finden. Hatte ich es verlegt? Vergessen, wie so manches andere Buch in einem anderen Leben? War es auf einer Bank am Starnberger See liegen geblieben, vom Winde verweht oder hatte es vermocht, jemand anderen zu inspirieren? Ich weiß es nicht.
Es gab eine Zeit, in der mir Gokuroku-ojo sehr nah war. Vielleicht zu nah. In der ich zerbrochen war, wie das Eis auf diesem Bild. Heute greife ich zu Eurem Buch, verehrter Kawabata, mehr als Mahnung zu einfachem aber präzisem Erzählen. Wann immer ich es lese, verstehe ich, warum García Márquez einst großen Neid gegenüber Euch empfand. Eure Prosa führt mir stets vor Augen, wie man Äußerliches wir Innerliches mit minimalistischen Mitteln zu Papier bringen kann.