Ostern 2021

An Jorge Luis Borges

Verehrter Meister,
lieber Borges,

wann immer ich mit einem Stapel Bücher aus einem Antiquariat komme, ihn, oft nach längerer Reise, auf meinem Schreibtisch ablege, muss ich an Eure Bibliothek von Babel denken. Meine wird langsam zu klein, ich stelle die Bücher jetzt voreinander. Eure hingegen war größer als das sichtbare Universum, hat man ausgerechnet. Eine Welt als Bibliothek aller möglichen Bücher.

Eure Bibliothek symbolisiert die Unendlichkeit, meine eine endliche Suche nach Wahrheit, nach Welten, nach Menschen, nach Schicksalen. Manchmal habe ich Schwierigkeiten, in meiner Bibliothek etwas zu finden. Zu viele Bücher werden gestapelt und irgendwie untergebracht. Mit viel Glück erinnere ich mich noch daran, wo.

Warum schreibe ich Euch gerade an Ostern, lieber Borges? In Eurer Erzählung findet sich ein Satz, über Sprache, ja über Literatur, der mich, seit ich ihn vor vielen Jahren in Mexiko las, nicht mehr los lässt. Auf Deutsch heißt er: „Niemand kann eine Silbe artikulieren, die nicht voller Zärtlichkeit und Schauer ist, die nicht in irgendeiner dieser Sprachen der gewaltige Name eines Gottes wäre.“
Ihr wart Agnostiker, Borges, mich berührt dieser Satz gerade an Ostern immer wieder.

Das Osterfest ist eine Zeit der Hoffnung, egal unter welchen Umständen es stattfindet. Die Umstände werden sich hoffentlich ändern, die unendliche Hoffnung dieses Festes jedoch bleibt.

In diesem Sinne: Felices Pascuas, verehrter Meister.

Und Euch/Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Montag, 29. März

Montag, 29. März 2021

Lieber Chesterton,
für meinen Flug von München nach Münster griff ich mir im letzten Moment ein schmales Bändchen mit Ihren Erzählungen um Father Brown aus meiner Bibliothek. Ich habe es nicht bereut. Mit ihm ist Ihnen eine Figur gelungen, die Scharfsinn, Neugier, Spürsinn und Humor mit einem unerschütterlichen Glauben verbindet.
Auch in meinen kriminalistischen Gehversuchen tauchen geistliche Herren auf. Kriminalrat Schönheit hat einen Bruder, der es bis zum Monsignore gebracht hat und im nächsten Roman in Venedig unter Mordverdacht geraten wird.
Aristide Ateba, den kleinen, aber immer für eine Überraschung guten, afrikanischen Pater habe meinem Münsteraner Ermittler Friedrich von Coes an die Seite gestellt. Ich muss sagen, er entwickelt sich erstaunlich gut und stets mehr in Richtung eines Kameruner Father Brown mitten in Westfalen.
Am meisten, lieber Chesterton, fehlt mir allerdings im Augenblick Ihr geliebtes Irland. »Unser« kleines Haus an der Westküste haben wir seit über zwei Jahren nicht gesehen, das Rauschen des Meeres am Frühstückstisch nicht gehört. Mir fehlen das Grün, die langen Spaziergänge und die vielen kleinen Kirchen, die nicht nur zu einem Besuch, sondern zu einer Begegnung mit dem Herrn einladen. Sie schrieben einmal, »Das unglaubliche an Wundern ist, dass sie geschehen«. Wollen wir hoffen, dass Sie Recht behalten.
Father Brown zitiert gerne Augustinus. »Wenn man sich zu sehr bemüht, hinter die Dinge zu blicken, sieht man am Ende die Dinge selbst nicht mehr.« Dieser Satz brachte mich aus meinen irischen Träumen in die Wirklichkeit zurück. Wissenschaft und gewählte Volksvertreter scheinen momentan genau dies zu tun, anstatt zuversichtlich und zupackend zu handelnd. Ich finde die Mutlosigkeit, den Mangel an Gottvertrauen und das politische Kalkül enttäuschend.
Lieber Chesterton, Sie werden in wenigen Jahren Ihren 150. Geburtstag feiern, können also getrost über den Unfug, der hier auf Erden geschieht, schmunzeln oder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Vermutlich tun Sie beides. Bleiben Sie mir gewogen.
Herzlichst,
Ihr,
Thomas Michael Glaw

Montag, 22. März

Münster im Spiegel

Eigentlich ist seit Samstag Frühling. Zu merken ist davon nicht viel. Es ist kalt, Schneekristalle treiben im Wind. Ein grauer Himmel macht die noch winterlichen Farben noch grauer. Langsam wird es schwierig, mit der immer noch währenden Perspektivlosigkeit umzugehen.  Es kostet jeden Tag mehr Kraft sich selbst und andere zu motivieren, Projekte am Laufen zu halten und neue anzustoßen.

Der neue Roman zu Friedrich von Coes „Simsons Füchse“ steht vor dem Abschluss, ab Donnerstag steht ein Besuch in Münster an. Meine Frau leitet eine Weiterbildungsveranstaltung und wir wollen Kollegen im Buchhandel besuchen – so das denn noch möglich ist. Jede Runde „mit der Kanzlerin“ erweist sich als ein Damoklesschwert.

Ein Land, das sich so viel auf seine Effizient einbildet ist dabei in Bürokratie zu ersticken und vor Angst nicht weiter zu wissen. Andere Länder machen vor, wie man mit Ideen und Mut der Pandemie Herr wird.

Münster in schwarz und weiß – Altes trifft auf Neues, Reales auf eine Spiegelung. Fast wie im wirklichen Leben in Corona Zeiten. Ich finde die schwarz-weiß Fotografie nach wie vor inspirierend. Wir haben zwei Bände mit solchen Fotografien für den Herbst in der Planung „Sehnsuchtsort: Wien“ und einen Gedichtband mit Arbeiten zur Existenz in Pandemiezeiten.