Friedrich von Coes: Simsons Füchse

Eigentlich wollte ich hier heute an Herbert Wehner schreiben, weil ich am Wochenende in einem zufällig erworbenen Band seine Notizen aus den Jahren 1933 bis 1942 gelesen habe. Wir holen das nächste Woche nach, meinte meine Verlegerin. Wie heißt der schöne Spruch: Der König rief, der Page lief. Heute ist aber auch ein außerordentlich passendes Datum, wenn ich an meinen neuen Roman „Simsons Füchse“ um Friedrich von Coes und sein Münsteraner Team denke.

Genau an diesem Tag beginnt der Roman, denn am 21 Juni kommt es im Münsterland seit einigen Jahren zu Brandanschlägen auf allein stehzende Höfe. Als die Besitzerin eines abgebrannten Hofs nicht nur verbrannt sondern erschossen aufgefunden wird, kommen unsere Mordermittler ins Spiel. Ein verzwickten Fall, in dem so ziemlich alles, Motiv, Gelegenheit, Mittel und Täter Rätsel aufgeben, entwickelt sich für Friedrich von Coes zu einer hochbrisanten politischen Affäre. In die Hintergrundrecherchen zu den Aktivitäten bestimmter politischer Gruppen im Ruhrgebiet hatte ich viel Zeit investiert. Auch wenn der Roman Fiktion ist, die Realität ist recht erschreckend.

Ich werde mich in den nächsten Wochen noch ab und zu zur Entstehung des Romans und zu Entwicklung der Figuren hier äußern. Mehr Informationen (Lesung/Leseproben)dazu gibt es ab dem 19. 7. 2021 auf der Verlagswebseite. Anfragen für Leseexemplare bitte an den Verlag (team@mediathoughts.net)

Nächste Woche dann meine Gedanken zu Onkel Herbert …

#thomasmichaelglaw #krimi #münster #friedrichvoncoes #mediathoughtsverlag

Egg Sandwich

Nachdem Arno und ich auf der Webseite auch großartig unsere Kochkünste ankündigen, sollte zumindest einmal so etwas wie ein Rezept folgen. Ich muss sagen:  ich koche gerne und viel, wie mein alter ego, der Münchner Kriminalrat Benedict Schönheit, Arno ist da eher faul und hat, wie SEIN alter ego, Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes, schon einmal Probleme morgens die Kaffeedose zu finden. Ohne Anne und Mama wäre er vermutlich verloren.

Egg Sandwich

Sei’s drum.

Das ist das Egg Sandwich, dass ich in „Shmuel’s Deli“ zu servieren gedenke, sollte ich je als schwuler Jude in New York City wiedergeboren werden. Ecke W 48th Street und 10th Avenue, falls sich jemand fragt. Zwei grob gehackte Eier pro Nase, egal ob jüdisch, christlich, mohammedanisch oder sonst etwas (ich schreibe das, damit sich meine Kritiker über meinen Rassismus beklagen können), hausgemachte Mayonnaise, frischer Estragon und Oregano. Pain Boulot vom französischen Bäcker um die Ecke, ein Bett von frischem Rucola. Meine Empfehlung wäre ein Elsässer Riesling – aber das würde vermutlich teuer in NYC.

Mehr zu meinen Kochkünsten finden Sie bei Steaktogether  wo ich als Koch und Kochlehrer tätig bin..

An Stefan George

Hochzuverehrender Meister,
Ich befürchte Euer Kreis, den Jürgen Kolbe einmal sehr treffend als „Edelbohème“ im Gegensatz zur „stubenreinen Bohème“ in Thomas Manns Doktor Faustus charakterisierte, würde diesen kurzen Brief vermutlich unter „belanglos“ einstufen. Sicherlich nicht „enorm“.
Wie kann ich es wagen, mich an euch zu wenden? Nun, ich griff mir kürzlich wieder einmal „Der siebente Ring“ aus dem Regal; zum einen um darin zu lesen, zum anderen um jemand die besondere Typografie zu zeigen. Es ist das erste Buch, das ich von Euch erwarb, verehrter Meister, vor beinahe fünfzig Jahren. Es ist nur die Vierte nicht die erste Ausgabe, aber es war das erste Buch, das ich je auf einer Auerdult erworben habe.

 

München

Aber genug der Vorrede: Meister, ich hänge. Ich schreibe an einer Erzählung, die am letzten Tag eines Seminars zu Euch beginnt, in der ein Professor mit einer jungen Studentin im Hinterhof einer Schwabinger Weinhandlung sitzt und sie ihm gerade gesagt hat: „Sie sind für mich George.“ Ich weiß natürlich, dass das Eurer Meinung nach unmöglich ist, aber dennoch, sie hat es gesagt. Und der gute Professor weiß nicht was er antworten soll.

Ganz zu schweigen von dem armen Autor, dem zumindest ein etwas frivoles Ende vorschwebt. Meister, wie wäre es mit einer Erleuchtung?

Euer demütiger Diener

#stefangeorge #thomasmichaelglaw #mediathougthts #münchen #literatur

Lots Weib

Er hatte die Frau schon oft gesehen. Er nannte sie »Lots Weib« bei sich, denn so stellte er sich eine Salzsäule vor. Sie trug schwarz, alles war schwarz. Er hatte einmal einen Blick auf ihre Augen geworfen, soweit man sie hinter dem Stoffgitter vor ihrem Gesicht erkennen konnte, und sie waren, zu seinem grenzenlosen Erstaunen, blau.

Männerfantasien - Lots Weib

Sie stand vor ihm an der Kasse des Supermarktes und kaufte, wie meistens, Milch, Jogurt, Obst und Gemüse. An ihrer Seite lief stets ein Mädchen, acht oder neun Jahre alt, mit dem sie nie ein Wort wechselte. Die Kleine nahm die Einkäufe aus dem Wagen, legte sie auf das Band, sammelte sie am Ende wieder ein und steckte sie in eine große, grüne Stofftasche. Anschließend bezahlte sie mit einer Kreditkarte, deren Geheimzahl sie auswendig wusste. Sie zog sie aus der goldenen Hülle eines iPhones, das sich unter ihren Umhang verbarg, der ebenso schwarz war, wie der ihrer Mutter. Mit dem Unterschied, dass man ihre Hände und ihr Gesicht sehen konnte. Sie hatte kleine Hände mit kurzen Fingern und ein rundes Gesicht mit roten Backen, fast wie eine Putte.

Dann passierte es. Als die Frau den Wagen an der Kasse vorbei schob, trat sie mit dem rechten, unter der wallenden Burka verborgenen, Fuß auf den Saum ihres Umhangs. Um nicht zu fallen, stützte sie sich mit beiden Händen auf den Einkaufswagen und streckte, um die Balance zu wahren, ihr linkes Bein ein wenig nach hinten, so dass ihr Fuß einen Augenblick lang unter der Burka hervorschaute.

Mindestens zehn Zentimeter Absatz. Eine rote Sohle. Er schluckte. Die Frau vor ihm, trug Schuhe von Christian Laboutin. Vermutlich erkannten nicht viele Männer das, aber er war Schuhverkäufer und er wusste, was er gesehen hatte. Dieser Schuh. Diese Absätze. Sein Puls schlug stets schneller, wenn er sie an den Beinen schöner Frauen gesehen hatte, so auch jetzt.

Die Frau vor ihm hatte ihr Gleichgewicht wiedergefunden und schob, während er ihr mit den Augen folgte, ihren Wagen in Richtung Ausgang. Seine Fantasie schlug Purzelbäume. Er stellte sich unter dem wallenden, schwarzen Gewand blaue, schwarze oder rote Schuhe mit Strasssteinen vor, Seidenstrümpfe sogar, als die Frau mit ihrer kleinen Begleiterin auf der Rolltreppe abwärts fuhr.

Da fauchte ihn die Kassiererin an: »13,49. Bar oder mit Karte?« Er schloss seinen Mund und öffnete sein Portemonnaie.

Nachwort:
Eigentlich gibt es hier jeden Montag einen Brief an einen bereits verstorbenen Autor. Letzte Woche las ich allerdings, wieder einmal, einiges vom Meister der Kurzgeschichte, Etgar Keret. Sein Blick auf die Welt hat auch diesen kleinen Text inspiriert. (tmg)

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An Italo Calvino

Caro Calvino,

als ich heute Morgen auf dem Weg in die Badewanne nach einem Buch suchte, das meinen in heißem Wasser eingeweichten Geist wach hielte, sah ich „Se una notte d’inverno un viaggiatore“. Es stand zwischen Gadda und Svevo und Sie, verehrter Meister müssen die Unordnung in meinem Bücherschrank entschuldigen, aber beschränkte Umstände haben ihren Preis und der Abschied von einer alten Liebe kostet nun einmal. Wir müssen uns alle entscheiden. Jeden Tag. Viele Male. Diese Entscheidung war richtig.

Ebenso wie meine Entscheidung Euren grandiosen Roman mit ins Bad zu nehmen, der mich den Rest des Tages von produktiver Arbeit abhielt. Zu Recht möchte man sagen. Rilassati. Raccogliti, Allontana da te ogni altro pensiero. Lascia che il mondo che ti circonda sfumi nell’indistinto, heißt es da auf der ersten Seite. Ich folgte Eurer Verführung weiter, Eurem intelligenten Spiel mit unterschiedlichen Formen des Romans aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Es ist schwierig, lieber Italo Calvino, Eure Romane, Essays oder biografischen Notizen aus der Hand zu legen. Sie schauen einen an und scheinen zu sagen „Das meinst du jetzt nicht ernsthaft, oder? Du willst mich doch weiter lesen?“

Wenn ich in Eremita a Parigi schmökere, fällt mir auf, dass uns die gleichen Autoren  faszinieren: Joseph Conrad und Anton Tschechow vor allem. Beide sind große Erzähler, Chronisten menschlichen Elends wie großer Liebe, von denen ich viel gelernt habe, auch wenn ich nur einen von beiden in seiner Muttersprache zu lesen vermag.

Winternacht.
Wann immer ich in den letzten Jahrzehnten zur Winterzeit in Rom war, sah ich diese Vogelschwärme. Es war, als ob sie meine Gedanken mit sich fortreißen wollten. Oder malten sie einfach nur Bilder in den Himmel?

Aus vielen Eurer Bücher spricht, neben allem Absurdem, auch Hoffnung, lieber Calvino. Es wird auch dieses Mal gut gehen – egal was die Propheten des Untergangs uns verkünden.

Danke für Eure Bücher,
in tiefer Verbundenheit
Thomas Michael Glaw

#thomasmichaelglaw #mediathoughtsverlag #literatur #calvino #Italien

An Octavio Paz

Lieber Octavio Paz,

es ist mehr als dreißig Jahre her, dass ich in Eurer Heimat Mexico war. Das Land hat sich verändert. Es ist gewalttätiger geworden, Korruption und Kapitalismus halten einander die Hand, die Schönheit der Kultur, die Freundlichkeit der Menschen, eine grandiose Küche – das sei mir als Koch erlaubt zu sagen – verschwindet im Staub.

Euer Werk begleitet mich seit Jahrzehnten und war mir einst, gemeinsam mit Carlos Fuentes Roman La región más transparente ein Schlüssel zum Verständnis Mexicos. Ich weiß, Euer Essay El laberinto de la soledad gilt als ebenso wichtig, mich hat jedoch das Bild des Lichtes, jenes durchscheinenden Lichtes, dass man außerhalb des Smogs von Mexico Ciudad noch wahrnehmen kann, in den Bann gezogen. Ich fand es wieder in einem Vers Eures Gedichtes En Uxmal:

La hora es transparente:
vemos, si es invisible el pájaro,
el color de su canto.

Die Suche nach der Farbe des Gesanges, die Suche nach der Farbe von Musik fasziniert mich. Manche Menschen haben die Gabe der Synästhesie: sie können Töne als Farben wahrnehmen. Mir ist das nicht gegeben und doch verbinde ich Töne oft mit Farben und Bildern.

Der unsichtbare Vogel stellt für mich ein Sinnbild dar, für das, was ihr unserem von Rationalismus und dem vermeintlichen Bemühen Entwicklungen mit Hilfe von Verboten und Regeln zu verhindern entgegenstellt: Die Poesie.  Ihr seht in ihr die Chance eines Gegenentwurfs zu unserer beschränkten Sichtweise der Welt.

Kommend von einem Mann wie euch, verehrter Octavio Paz, einem umfassend gebildeten Polyhistor, macht es mir Mut weiter meinen eigenen Weg zu gehen und den Unsinn, der in den letzten Jahren main stream geworden ist, zu ignorieren.

Gracias.

#thomasmichaelglaw #poesie #mexico #octaviopaz #mediathoughtsverlag #literatur

Mehr über mich auf www.thomasmichaelglaw.com

An Hilde Domin

Liebe Hilde Domin,
Wir hätten uns beinahe einmal kennengelernt. Doch wirklich. Vor mehr als 20 Jahren. Mein Doktorvater hat Sie für »Literatur in Bayern« besucht und wollte mich als Fotograf dabeihaben. Am Ende begleitete ihn dann doch wieder eine Assistentin. Ich hätte Sie gerne fotografisch porträtiert. Die Tiefe Ihrer Gedichte in Ihren Augen gesucht und die Wahrheiten in den Linien Ihres Gesichts.
Ihre Worte, Ihre Gedanken begleiten mich, wie die Wisława Szymborskas, seit langem. So lange man noch reisen konnte, auch auf den Wegen zu Fremden und Freunden, zu Unbekanntem und allzu Bekanntem.
»Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.«
Es ist die innewohnende Liebe, die ich in Ihren Gedichten spüre.
Warum ich Ihnen gerade heute schreibe?
Weil ich vor einigen Jahren an genau diesem Tag beinahe eine Riesendummheit begangen hätte und mich ein Engel davor bewahrte. Dafür bin ich dankbar.
Glauben Sie an Engel?
»Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
Und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
Und wir zuhause sind,

wo Immer es auch sei

…«

Dieser Engel steht mir immer noch zu Seite und heute ist ein guter Tag, sich daran zu erinnern.
Herzlichst,
Thomas Michael Glaw
PS.: Sie wundern sich über das Bild? Das Licht des Bodensees ist besonders und es erinnert mich an eine glückliche Woche in einem alten Fachwerkhaus, während ich einen Roman beendete.

An Thomas Mann

München - Siegestor

Verehrter Thomas Mann,
lieber Zauberer,

in diesen Tagen, schwankend zwischen abstumpfender Langeweile und hektischer Betriebsamkeit, greife ich immer wieder einmal zu Euren Romanen und Erzählungen. Es ist vor allem der Zauberberg, der es mir seit Jahrzehnten angetan hat und zu dessen wunderbar eingängigen Persönlichkeiten ich immer wieder zurückkehre.

Auch Gladius Dei, jene Novelle, der die Stadt München das so werbewirksam vermarktete Prädikat „München leuchtet“ entnahm, lässt einen Wahlmünchner wie mich nicht unberührt. Ich weiß natürlich, verehrter Zauberer, dass Ihr damit ein ironisches Bild auf den Kunstbetrieb im Allgemeinen, vor allem im München an der Schwelle zum 20. Jahrhundert entworfen habt. In der heutigen Zeit erinnert mich Euer Hieronymus nicht mehr so sehr an Girolamo Savonarola, mit dem er mehr als nur den Vornamen teilt, sondern eher an die vielen Bußprediger, die das Internet, vor allem auf Deutsch, bevölkern.

Darf ich Euch eine Anekdote aus dem Berlin der 1920er Jahre erzählen? Als Monty Jacobs das Feuilleton der Vossischen Zeitung übernahm, drehte er sich nach der ersten Besprechung mit seinen Redakteuren an der Türe noch einmal um und sagte: „Und noch eins, meine Herren! Hierzulande Ironie cursiv!“

Wir mögen eine Woche der Meinungsfreiheit haben, eine nicht geringe Zahl von Leuten billigt diese Freiheit nur noch denjenigen zu, die ihre, als politisch korrekt erkannte, eigene Meinung bestätigen. Unsere Volksvertreter hingegen scheinen eher Eure „Betrachtungen eines Unpolitischen“ im Bücherschrank zu haben. «Ich will nicht Politik. Ich will Sachlichkeit, Ordnung, Anstand… Ich bekenne mich tief überzeugt, … daß der vielverschriene deutsche ‚Obrigkeitsstaat‘ die dem deutschen Volk angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt…», schriebt Ihr. Ihr werdet verstehen, verehrter Zauberer, dass ich Euch da nicht folgen kann. So mancher Politiker der Jetztzeit hingegen schon.

Ich halte es da, ehrlich gesagt, eher mit Eurem Bruder Heinrich, von dem ich letzte Woche einige schöne antiquarische Werke erwarb: „Geist ist Tat, die für den Menschen geschieht; – und so sei der Politiker Geist, und der Geistige handle!“

In diesem Sinne
Ihr
Thomas Michael Glaw

#thomasmichaelglaw #montagsblog #mediathoughtsverlag #ThomasMann

An Karl Marx

Lieber Marx,

hätten Sie gedacht, dass einmal jemand eine solche Straße nach Ihnen benennen würde? Vermutlich nicht. Eigentlich wurde sie auch nach einem Georgier namens Dschugaschwili, den wir heute eher unter seinem Kampfnamen Stalin kennen, benannt. Einem Mann, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, darunter nicht wenige deutsche Kriegsgefangene.

Aber ich schreibe Ihnen nicht, um mich auf ein Gespräch zur Architekturkritik einzulassen. Sie waren ein umfassend gebildeter Mann, lieber Marx, sicherlich könnte ein solches Gespräch, wenn man Ihre heutige Position betrachtet, überaus interessant sein. Wieso ich diese Woche ausgerechnet auf Sie komme? Ich habe wieder einmal einen Blick auf das kommunistische Manifest geworfen. Ihr Meisterwerk, „Das Kapital“ muss ich bei Gelegenheit neu erwerben, denn ich ließ es vor ein paar Jahren in der Pampa zurück, wo es zwar keiner je lesen wird, es sich aber sicher überaus dekorativ in dunkelblau und gold im Bücherschrank macht.

Wissen Sie, lieber Marx, mir macht die Linke Sorgen. Sie meinen, ich, als Liberaler, sollte doch eher froh über ihren desolaten Zustand sein? Sie missverstehen mich, verehrter Meister. Ich bin in der Tat kein Freund staatlicher Übergriffigkeit, wie es das bayerische boy-wonder gerade demonstriert. Ich glaube an das Selbstbestimmungsrecht des Menschen, an „life, liberty and the pursuit of happiness“, wie es sich die Amerikaner in ihre Unabhängigkeitserklärung hineingeschrieben haben. Allerdings bin ich auch davon überzeugt, dass wir als Gesellschaft die Aufgabe haben, die Schwachen zu stützen, Chancengleichheit herzustellen und vor allen Dingen jedem (und jeder, in diesen gegenderten Zeiten) den Zugang zu Bildung nicht nur zu ermöglichen, sondern sie oder ihn auch dabei zu unterstützen.

Und was tun Ihre Jünger, lieber Marx?

Sie kümmern sich um Fragen des Lebensstils, der Konsumgewohnheiten und verteilen moralische Haltungsnoten. Fleiß, Leistung und Anstrengung sind eher uncool. Natürlich ist eine diskriminierungsfreie Welt ein hehres Ziel, nur geht das für die meisten Leute über Löhne, Renten und die Arbeitslosenversicherung und nicht über sprachlich fragwürdige Vehikel. Wenn ich lese, dass Ihre heutigen Gesinnungsgenossen meine Ehefrau als „cis-Frau“ bezeichnen, weil sie keine Transsexuelle ist, geht mir die Baskenmütze hoch, wenn Sie mir diese etwas abgedroschene Metapher verzeihen. Einmal davon abgesehen, dass ich Cis Dur schon wegen der sieben Kreuze nie sonderlich mochte.

Sagen Sie, lieber Marx, könnten Sie nicht etwas unternehmen aus Ihrer höheren Warte? Schicken Sie doch ein paar unserer Life Style Linken aus München mal nach Gelsenkirchen oder in bestimmte Stadtteile von Dortmund. Nein, lassen Sie es lieber. Die müssten dann, trotz Corona, schnell einen Wellness Meditationsurlaub auf den Seychellen einlegen. Und natürlich würden sie ein paar Euro für den Co2 Ausgleich ihres Business Class Fluges abdrücken.

Die Revolution hat schon immer ihre Kinder gefressen. Das fatale an den heutigen Revolutionären ist, dass sie am liebsten auf Kosten anderer speisen.

In diesem Sinne,
Ihr
Thomas Michael Glaw

PS.: Wie ist denn so das Manna heutzutage 🙂 Für eine Maß müßten’s halt … Ich bin sicher die bayerische Staatsregierung hätte auch heute noch den einen oder anderen guten Ratschlag bitter nötig.

#thomasmichaelglaw #montagsblog #literatur #karlmarx #mediathoughsverlag

An Giovannino Guareschi

Lieber Guareschi,

Ai Wei Wei schrieb vor einigen Wochen, Spaghetti und die Pandemie hätten eines gemeinsam: die Chinesen hätte sie erfunden und die Italiener verbreitet.

Ich verstehe durchaus, dass diese Aussage nicht Euren Beifall findet.

Wann immer ich auf einen Teller Pasta blicke, werde ich an die „mondo piccolo“ erinnert, jene kleine Welt, in der Ihre Geschichten spielen. Ich habe Ihre Hauptprotagonisten vor Augen, den Pfarrer Don Camillo und den Kommunisten Giuseppe Botazzi, genannt Peppone. Ich gestehe, dass die filmische Version mein eigenes Bild Ihrer Romane überlagert, so wie ich sie in „Don Camillo e i giovani d’oggi,“ einem der ersten Bücher, das ich auf Italienisch las, kennenlernte. Es folgten viele andere Autoren, Eure Gestalten, lieber Guareschi, begleiteten mich jedoch ein Leben lang.

Eure kleine Welt deckt sich in vieler Hinsicht mit meiner. Die meisten Morde passieren im familiären Umfeld – selbst wenn wir die Schwiegermütter herausrechnen. In meinen Romanen wurden, zumindest bislang, keine Schwiegermütter ermordet, zumal ich eine der besten erwischt habe, die gerade verfügbar waren.

Nach Max Weber liegen die Herausforderungen der kommenden Jahre in Kapitalismus, Individualismus und Demokratie. Er hat Recht, lieber Guareschi, auch wenn man heute mehr über ihn redet und ihn kaum mehr einer liest. Cancel Culture, Safe Spaces, und dass man Menschen zum Schweigen bringen will, weil sie etwas zu sagen haben, das man nicht hören will, sind auch Ausdruck dieser Herausforderungen. Leider dringt all das auch vermehrt in unsere kleinen Welten ein.

Pasta auf dem Teller eines hungrigen Priesters, eines hungrigen Bürgermeisters. Rotwein in einem kleinen Glas. Beide versuchen, die Welt, ihre kleine Welt, ein wenig besser zu machen. Ich koche immer noch gerne Pasta. Tagliatelle al Ragu alla Bolognese gehört zu meinen Spezialitäten und zu meinen Lieblingsessen am „Pasta Montag“. Heute jedoch gibt es Spaghetti alla Carbonara. Zumindest im Geiste werden Peppone und Don Camillo mit am Tisch sitzen.

Saluti!

#thomasmichaelglaw #literatur #montagsblog #mediathoughts