An Hilde Domin

Liebe Hilde Domin,
Wir hätten uns beinahe einmal kennengelernt. Doch wirklich. Vor mehr als 20 Jahren. Mein Doktorvater hat Sie für »Literatur in Bayern« besucht und wollte mich als Fotograf dabeihaben. Am Ende begleitete ihn dann doch wieder eine Assistentin. Ich hätte Sie gerne fotografisch porträtiert. Die Tiefe Ihrer Gedichte in Ihren Augen gesucht und die Wahrheiten in den Linien Ihres Gesichts.
Ihre Worte, Ihre Gedanken begleiten mich, wie die Wisława Szymborskas, seit langem. So lange man noch reisen konnte, auch auf den Wegen zu Fremden und Freunden, zu Unbekanntem und allzu Bekanntem.
»Man muss weggehen können
und doch sein wie ein Baum
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.«
Es ist die innewohnende Liebe, die ich in Ihren Gedichten spüre.
Warum ich Ihnen gerade heute schreibe?
Weil ich vor einigen Jahren an genau diesem Tag beinahe eine Riesendummheit begangen hätte und mich ein Engel davor bewahrte. Dafür bin ich dankbar.
Glauben Sie an Engel?
»Man muss den Atem anhalten,
bis der Wind nachlässt
Und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
Und wir zuhause sind,

wo Immer es auch sei

…«

Dieser Engel steht mir immer noch zu Seite und heute ist ein guter Tag, sich daran zu erinnern.
Herzlichst,
Thomas Michael Glaw
PS.: Sie wundern sich über das Bild? Das Licht des Bodensees ist besonders und es erinnert mich an eine glückliche Woche in einem alten Fachwerkhaus, während ich einen Roman beendete.

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